Medienkompetenztag mit dem Staatliche Schulamt Lörrach

Medienkompetenztag: Kooperation KMZ und Staatliches Schulamt Lörrach

Am 14.März 2018 fand ein hochwertiger Medienkompetenztag in der Gewerblichen Schule in Bad Säckingen statt, der in Kooperation des KMZ Lörrach und des Staatlichen Schulamtes oranisiert wurde.
Im Mittelpunkt stand neben den zahlreichen Workshops der Vortrag von Professor Dr. Frank Thissen von der Hochschule für Medien in Stuttgart zum veränderten Lernen der Zukunft.
Lesen Sie hierzu das interessante Interview der Badischen Zeitung.

Digitales Lernen: Darum muss sich die Rolle von Lehrern verändern

BZ Plus|  Professor Frank Thissen erklärt im Interview, wie das digitale Zeitalter das Lernen verändert. Er spricht beim Medienkompetenztag "Schule digital" in Bad Säckingen. 

MKT SSA Frank ThyssenFrank Thissen Foto: BZ vom 13.03.2018

An der Alemannenschule in Wutöschingen (Kreis Waldshut) hat jeder Schüler ein Tablet; Klassenzimmer gibt es in der Gemeinschaftsschule nicht mehr. 

 MKT SSA WutöschingenFoto: BZ vom 13.03.2018

LÖRRACH. Smartphone, Tablet & Co. sind längst auch in der Schule angekommen. Das Staatliche Schulamt Lörrach und das Regierungspräsidium Freiburg wollen die Digitalisierung forcieren und Lehrer sensibilisieren für die Chancen digitaler Hilfsmittel. Der Medienkompetenztag "Schule digital" morgen, Mittwoch, 14. März, in Bad Säckingen soll da neue Impulse setzen. Daniel Gramespacher sprach vorab mit Professor Frank Thissen von der Hochschule der Medien in Stuttgart, der als Referent eingeladen ist.

BZ: Sie fragen in Ihrem Referat, ob Lernen im digitalen Zeitalter wirklich anders ist. Die Antwort kann nur Jein lauten...

Thissen: Richtig. Das menschliche Lernen selbst ändert sich grundsätzlich nicht, es gibt kein digitales Lernen. Es ändert sich aber die Form, wie wir lernen. Im digitalen Zeitalter muss sich Schule sich verändern. Schule als System kommt aus dem Industriezeitalter, in dem Standardisierung eine große Rolle gespielt hat. Mit einem Abschluss war man auf das Studium oder den Beruf vorbereitet. Dies wird nun zunehmend fragwürdiger, weil sich die Welt durch Computer und das Internet grundsätzlich verändert. Da passt ein Schulsystem, in dem Lehrpläne abgearbeitet werden, nicht mehr.

"Wer heute gut googeln kann, kann mehr herausfinden, als jeder Lehrer wissen kann."

Professor Frank Thissen

BZ: Sie sagen, Kosmetik helfe nicht weiter. Die Eingriffe müssen tiefer gehen. Wo würden Sie das Skalpell ansetzen?

Thissen: In der Art des Unterrichtens. Häufig sind die Schüler noch Einzelkämpfer, präsentiert der Lehrer ein Thema im Frontalunterricht. Gruppen- und Projektarbeit wird meist nur kurz vor den Sommerferien gemacht. Diese Form der Zusammenarbeit ist aber im 21. Jahrhundert zu bevorzugen, weil das selbstgesteuerte Lernen, das Erarbeiten von komplexen Zusammenhängen sehr gut funktioniert, die Motivation nach oben treibt und nachhaltiger ist, als für die nächste Klausur etwas auswendig zu lernen. Forschungsergebnisse sprechen da eine deutliche Sprache. Vor allem werden aber wichtige Kompetenzen erworben, wie Kollaborationsfähigkeit, Kreativität, Informations- und Medienkompetenz sowie Weltbürgerschaft. Auf eine immer komplexere Welt muss Schule vorbereiten. Wer heute die Schule verlässt, wird in zwei drei Jahren eine Tätigkeit ausüben, von der er heute noch gar nichts ahnt.

BZ: Braucht die Schule der Zukunft eine andere Art von Lehrern?

Thissen: Die Rolle von Lehrern muss sich verändern. In der Vergangenheit waren Lehrer und Schulbücher die Quelle allen Wissens. Wer heute gut googeln kann, kann mehr herausfinden, als jeder Lehrer wissen kann. Lehrer können nicht mehr Hüter allen Wissens sein, sie werden eher zu Lernbegleitern, die sich mit den Lernenden auf den Weg machen und sie mit Erfahrung und Überblick unterstützen. Der Lernprozess ist ein gemeinsamer. Eine Schule, die Kompetenten und Neugier fördert und damit die Leistungsbereitschaft erhöht, kann gut auf das Leben im 21. Jahrhundert vorbereiten.

BZ: Dazu müssen die Lehrer aber anders ausgebildet werden...

Thissen: Selbstverständlich. Es ist wichtig, nicht nur in den Lerninhalten, sondern auch in den Lehrmethoden neue Wege zu gehen und Dinge auszuprobieren. Es gibt nicht eine beste Methode. Vielmehr müssen Lehrer eine Methodenvielfalt kennenlernen. Das Zweite ist: Lehrer müssen Kontrolle abgeben. Einen projektorientierten Unterricht kann ich nicht bis ins letzte Detail planen, auch nicht was am Ende konkret herauskommt. Das muss ich auch nicht, weil man weiß, dass in einer solchen Form von Unterricht intensiv und nachhaltig gelernt wird. Ein Lehrender muss einfach das Vertrauen haben, dass es funktioniert. Kinder nutzen Freiräume und Möglichkeiten. Ein Projekt, an dem sie arbeiten, wird ihr Ding.

 

BZ: Sie verweisen in einem Ihrer beiden Workshops in Bad Säckingen auf den Raum als dem dritten Pädagogen. Was zeichnet denn gute Lernräume aus?

Thissen: Dass sie durch Mobiliar und Gestaltung Möglichkeiten schaffen, etwa in Kleingruppen zu arbeiten, und nicht zu einseitig sind. In dem Moment, wo ich flexible Möbel und Platz habe, habe ich auch mehr Möglichkeiten in den Methoden. Hinzu kommt das Wohlfühlen. In einem ungemütlichen Raum mit Betonwänden, einem schmuddeligen Teppich und veralteten Möbeln fühle ich mich nicht wohl, und Emotionen behindern oder fördern das Lernen.

BZ: Das leuchtet ein. Was aber tun, wenn – wie an vielen Orten – das Geld knapp und die Raumnot groß ist?

Thissen: Dann ist Kreativität gefragt. Es lässt sich aber auch mit wenig Aufwand etwas bewirken, etwa Wände streichen und Möbel umstellen. Man muss nicht gleich eine neue Schule planen, sondern kann auch mit frischen Augen die Sache betrachten und kleine Schritte gehen. Das müssen auch nicht die Schulleiter alleine machen. Ich würde alle Beteiligten mit hineinnehmen: Schüler, Eltern, Nachbarn, Handwerker und Künstler in der Umgebung. Denn Schule des 21. Jahrhunderts muss sich öffnen und Teil des Stadtteils sein.

BZ: Im zweiten Workshop machen sich nach dem Learners as Designers-Ansatz dafür stark, dass Schüler ihre Lehrmedien selbst erstellen. Was machen diese besser als studierte Pädagogen?

Thissen: Sie setzen sich intensiver mit den Dingen auseinander. Wenn Schüler die Aufgabe bekommen, beispielsweise zum Thema Fotosynthese ein kleines e-Book zu erarbeiten, ein Poster zu machen oder ein Erklär-Video zu drehen, dann müssen sie sich eigenständig damit auseinandersetzen, müssen sich überlegen, was gehört dazu, was ist wichtig, wie hängt das zusammen, wie erkläre ich das anderen, welche Texte oder welche Bilder brauche ich. Dann geben sich die Schüler richtig Mühe, das Interesse am Thema steigt, sie sind stolz auf ihre Arbeit und in der Regel sehr motiviert dabei. So lernen sie viel mehr, als wenn sie konsumieren. Wenn ich in der Lerngruppe diskutiere, wie sich etwas darstellen lässt, ist das Lernen nachhaltiger.

BZ: Wagen Sie eine Prognose: Wie wird 2030 in der Schule gelehrt und gelernt?

Thissen: Das muss eine Schule mit Maker-Space-Charakter sein, ein Ermöglichungsraum, in dem ich Erfahrungen sammle und mich gemeinsam mit komplexen Fragestellungen auseinandersetze. Schule muss im Sinne von Alan November zu einer Farm des Lernens werden, in der jeder etwas beiträgt, aber auch jeder Verantwortung hat, dass es funktioniert. Die Schule der Zukunft konzentriert sich nicht auf den Lehrplan, sondern auf die Kompetenzen.

BZ: Lernen müssen aber alle weiterhin selbst. Wird der Effekt moderner Technik, die Werkzeug bleibt, überschätzt?

Thissen: Es kommt darauf an, wie ich die Technik einsetze. Wenn ich digitale Technik als Ersatz für etwas Analoges einsetze, ist das nicht gerade spannend. Ein Buch statt auf Papier auf dem Tablet zu lesen, kann sogar ein Rückschritt sein. Wenn ich Technik aber für Dinge einsetze, die ohne diese nicht möglich war, dann ist sie ein Gewinn. So lassen sich etwa mit Tablets recht einfach elektronische Bücher oder Videos erstellen – was früher ungemein aufwändig war.

BZ: Die vielfältigen Möglichkeiten der modernen Technik sind aber auch verführerisch. Wo würden Sie Grenzen setzen?

Thissen: Verbieten lassen sich Smartphone und Tablets nicht. Sie gehören einfach dazu. Technologien sind immer ein Thema, wenn sie neu sind. Der angemessene Umgang damit muss eben auch in der Schule gelernt werden. Und zwar nicht ausgelagert im Informatikunterricht, sondern in jedem Unterricht. Dazu gehören auch Freizonen ohne Technologien. Der Hype um die Technik wird irgendwann nachlassen, und dann ist es etwas Selbstverständliches. Auf der anderen Seite gewinnt ein handgeschriebener Brief oder der bewusste Verzicht aufs Handy eine neue Qualität.


Drucken   E-Mail